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Blinder Pazifismus

Zwei politische Aktivistinnen

“Pazifismus” wird oft als politische Konzeption für eine friedliche Welt, meist aber als ethische Grundhaltung verstanden. Beide Varianten versagen vor den Realitäten unserer Welt, spätestens in Situationen in denen die Wahl zwischen eigenem Untergang oder Selbstbehauptung getroffen werden muss. Solange Frieden herrscht und von Anderen garantiert wird, kann man die persönliche Ethik ohne Mitverantwortung ausleben, also auf Kosten derjenigen die tatkräftig Verantwortung für die Wahrung oder Wiederherstellung des Friedens übernehmen. Dabei steht ethisch verankerter Pazifismus in einem größeren Zusammenhang, nämlich sich von all dem Elend in der Welt erdrückt zu fühlen, überall eigene Verantwortung zu reklamieren, zu Aktionen aufzurufen und anderen das eigene Weltbild aufzudrücken.

Die evangelische Pastorin Annette Behnken konnte die Bilder aus den griechischen Flüchtlingslagern und von der Flucht über die Ägäis nicht mehr aushalten und sprach im “Wort zum Sonntag” (ARD, 07.03.2020) als Vertreterin der EKD davon, dass sie “zum kotzen” findet, was dort passiert. Sie sagte: “Angesichts dessen sollte sich jedem einzelnen Europäer und jeder Europäerin Tag und Nacht der Magen umdrehen. Wir müssen auf die Straßen gehen. Every day for future and humanity. Wir müssen die Parlamente stürmen, in denen Neofaschisten sitzen und uns in Schreckstarre verfallen lassen, wie das Corona-Virus.”

Dieser fanatische Appell beruht auf Unterstellungen und privaten Bewertungen, befürwortet “Demokratie der Straße” und Rechtsbruch, lässt pastorales Augenmaß vermissen. In einer Talkshow des NDR (“DAS”) meinte sie dazu, dass Zitate ihrer Äußerungen aus dem Zusammenhang gerissen werden. Allerdings hat die EKD nach hiesiger Kenntnis Gelegenheiten zur Klarstellung nicht genutzt, wozu sich der EKD-Newsletter angeboten hätte. Frau Behnken arbeitet seit einiger Zeit als Theologin an der evangelischen Akademie in Loccum (Niedersachsen) - künftig eine ideologische Schulungsanstalt?

 

Stand 30.05.2015

AFP-Meldung vom 24.12.2009, 0740 MEZ: Die damalige Ratsvorsitzende der EKD, Bischöfin Margot Käßmann, hält den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan für sinnlos; er sei selbst “bei weitester Auslegung” mit der evangelischen Lehre unvereinbar. Zudem sagte sie bei ihrer Neujahrspredigt in Dresden, dass in Afghanistan Zivilisten getötet werden und die Dresdener wissen, wie das ist. Die Bischöfin dachte nicht an die Soldaten und deren Familien, als sie dies ausgerechnet zu Weihnachten verkündete. Und es war ein moralischer Missgriff, den Bombenterror des Zweiten Weltkriegs mit den zivilen Opfern des Afghanistan-Einsatzes in Verbindung zu bringen. Aber es war kein unbedachter Ausrutscher; die Bischöfin gab ihrer politischen Leidenschaft Vorrang vor der seelsorgerischen Aufgabe!

Im Dezember 2009 bekannte Frau Käßmann in einem TV-Interview, den Krieg am Hindukusch “nie verstanden” zu haben. Sie misstraut dem von Bundesregierung und Bundestag verfolgten Ansatz der “vernetzten Sicherheitspolitik”, der auf Konfliktprävention und -begrenzung abzielt. Sie versteht zivile und militärische Maßnahmen zur Krisenbewältigung als Gegensatz und verurteilt jeden Rückgriff auf militärische Mittel.

“Der Spiegel” berichtet unter dem 03.06.2011 - Käßmann war im Vorjahr wegen persönlichen Fehlverhaltens vom Bischofsamt zurückgetreten - über eine weitere Äußerung der Geistlichen zum Afghanistan-Einsatz: “Nun sagte sie gestern, genau an diesem Tag, an dem ein weiterer Bundeswehrsoldat in den Hinterhalt gelockt wurde: Man solle beten mit den Taliban, statt sie zu bombardieren.”

Unter den Soldaten führte Käßmanns Verdammung des Afghanistan-Einsatzes zu heftigen Reaktionen. Beispielsweise entschloss sich der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr und Vorsitzende des Militärausschusses der NATO, Naumann, seinen Protestbrief an die Bischöfin, der ohne Antwort geblieben war, zu veröffentlichen. Darin greift er Frau Käßmann wegen der Ausgrenzung der Soldaten harsch an. Auch in der Kirche selbst wurde ihre radikale Position nicht überall hingenommen. Der Brief des evangelischen Militärpfarrers in Kundus (Ev.PfarrerPRTKunduzBriefanKäßmann2010) sowie die eindrucksvolle Trauerandacht von Militärdekan Wenzel für die am Karfreitag 2010 in Kunduz gefallenen Soldaten zeigen, dass es einen seelsorgerischen, lebensnahen Protestantismus gibt.

Als EKD-Ratsvorsitzende hatte Frau Käßmann die Lehrmeinung vertreten, dass Kriege grundsätzlich nicht zu rechtfertigen sind und es keinen gerechten Krieg geben kann. Anfang 2010 meinte sie zum Zweiten Weltkrieg: Statt Deutschland gewaltsam zu befreien, hätten die Alliierten lieber vorher Strategien entwickeln und die Opposition in Deutschland stärken sollen. Abgesehen vom fehlenden Geschichtsverständnis, tritt hier eine eigenwillige Version der christlichen Lehre zutage, der von dem bekannten Historiker (damals Professor an der Bundeswehr-Uni München) Wolffsohn in der BILD-Zeitung scharf widersprochen wurde: `Das Christentum kennt sehr wohl gerechte Kriege. Unrecht und Verbrechen können manchmal leider nicht anders besiegt werden. Wenn für Frau Käßmann der Krieg gegen den Millionen-Mörder Hitler nicht gerecht war, habe sie jeglichen Maßstab verloren, gerade den christlichen.´

Pazifistische Strömungen fanden seit 1945 im Protestantismus starken Widerhall, beherrschten zeitweise die Kirchenpolitik und bestimmten oft das Erscheinungsbild der EKD - bei Kirchentagen, bei der Beteiligung an politischen Demonstrationen, von der Kanzel. Mit Käßmann hat zumindest vorerst eine rigorose Pazifismus-Auffassung die Oberhand gewonnen. Protestantische Politiker haben dieser Auffassung widersprochen und darauf hingewiesen, dass es auch andere Sichtweisen in ihrer Kirche gibt, so Bundeskanzlerin Merkel und Verteidigungsminister de Maizière. Bei Licht besehen kann man annehmen, dass die deutschen Protestanten mehrheitlich eine realistische Sicherheitpolitik wollen, die einerseits auf die Bewahrung des Friedens ausgerichtet ist, andererseits die Sicherheit unseres Landes gewährleistet. Die Unterstützung dafür hängt allem Anschein nach mehr von einer überzeugenden politischen Begründung als von abstrakten Glaubenssätzen ab.

In dieser Sichtweise ist am 19.01.2010 in der FAZ-Net ein langer Artikel erschienen, der unter dem Titel “Die wunderbare Welt der Bischöfin Käßmann” beschreibt, wie die Lehrmeinung der damaligen EKD-Leitung ins Abseits führt: Je publikumswirksamer sie vertreten wird, desto mehr kann sie sich selbst schaden. Wenn das Motto ist “Wir haben die Moral, ihr die Probleme” und wenn “Frau Käßmann an keiner Stelle sagt, wie aus der geforderten Phantasie (Anm.: für eine neue Friedenspolitik ohne militärische Maßnahmen) Wirklichkeit werden könnte”, kann man die evangelische Kirche als Organisation der Wirklichkeitsverweigerer leicht an den Rand schieben.

Die evangelischen Christen können dies nicht als interne Angelegenheit ihrer Kirche unter sich ausmachen. Es geht um eine gesamtgesellschaftliche Problematik, wenn eine der beiden größten Amtskirchen Maß und Realitätssinn verliert: Wie findet der evangelische Soldat Orientierung für seinen Beruf?

Evangelischen Soldaten wird nicht erst seit kurzem ein Konflikt aufgenötigt: Wenn sie die Politik der EKD ernst nehmen, können sie nicht ihrer Kirche und zugleich dem Staat gegenüber loyal sein. Ist es ein Ausweg, dass im Protestantismus die zentrale Lehrmeinung weniger zählt als in anderen Glaubensbekenntnissen, dass der Protestant sein Verhalten allein und unmittelbar vor seinem Herrn verantwortet? Luthers größte Errungenschaft könnte alle trösten, denen Käßmanns Politik zunächst zugesetzt hat. Denn es bleibt bei der sicherheitspolitischen Maxime, auf der unser Grundgesetz aufbaut: Nicht der unbedingte Frieden ist das höchste Gut, sondern der Frieden in Freiheit! Nur in Freiheit kann die Menschenwürde unantastbar sein.